‚berliner winter’ oder ‘summer in melbourne’

Es ist nicht wichtig, was Du bisher gemacht hast, sondern wer Du bist und sein möchtest!

Ich freue mich heute ein Interview mit einer Freundin, Lisa, zu führen. Lisa hat mich dieses Jahr beeindruckt, weil sie ihren „sicheren“ Job gekündigt hat und sich mit 30 entschlossen hat ihr Leben noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Dies hat sie wortwörtlich genommen und ist für eine Weile nach Australien gezogen. Alleine mit diesem Schritt hat sie viel Leichtigkeit in ihr Leben gelassen.

Hallo Lisa, wo bist Du momentan?
In Melbourne, genauer gesagt Middle Park. In einem Haus fast am Strand.

Machst Du Urlaub?
Nee, nicht wirklich. Eher Arbeitsferien, also working holiday. Als Tourguide für Chocolate und Cupcake Touren, als Kellnerin in einem Café und demnächst auch im Verkauf im Weihnachtsgeschäft. Ich wollte mal raus aus dem gewohnten deutschen Trott. Weg von all dem Druck mit Bürostühlen, Familienplanung und Eigentumswohnungen…was Neues sehen und schauen, was das Leben am anderen Ende der Welt so mit sich bringt…

Wohnst Du nicht eigentlich in Berlin und hast einen Job in Potsdam?
Ja, ich komme aus Berlin. Und bis Ende Juni habe ich beim Collective Leadership Institute gearbeitet.

Weshalb arbeitest Du dort nicht mehr?
Es hat nicht mehr gepasst. Ich hatte das Gefühl, dass der Stempel Berufsanfänger für immer auf meiner Stirn klebt. Es war vor 3 Jahren meine erste Stelle nach der Uni. Und ich hätte mir gewünscht, dass wir unsere Konzepte mehr nach Innen leben. Irgendwann habe ich mich gefragt, ob ich wirklich glücklich bin mit dem, was ich da jeden Tag 12 Stunden tue, die 3 Stunden Pendeln zwischen Berlin und Potsdam eingerechnet. Die Antwort hat mich dann zum Kündigen bewogen.

Verstehe ich das richtig, Du hast gekündigt ohne vorher eine Alternative zu wissen?
Ich habe gekündigt, ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben, ja. Ich wollte einfach mal nicht wissen, wie es weiter geht. Statt jeden Tag für 9 Stunden ins Büro zu gehen. Parallel zu meiner Kündigung habe ich mit drei anderen ehemaligen Kolleginnen Happy Works gegründet. Wir bieten Produkte und Dienstleistungen für mehr Arbeitszufriedenheit. Denn schauen wir alle auf unsere Erfahrungen in den letzten Jahren zurück, ist die Essenz: Die meisten von uns verbringen wahnsinnig viel Zeit auf der Arbeit und tun viel zu wenig dafür, dass unsere Arbeitszeit glückliche Lebenszeit ist. Und dabei haben wir es selbst in der Hand: die Art, wie wir unsere Arbeit machen, wie wir mit Kollegen kommunizieren, wie wir unseren Tag strukturieren. Es war ein AHA-Erlebnis, als mir klar wurde, dass ich zu einem großen Anteil selbst dafür verantwortlich bin, wie mein Arbeitumfeld aussieht. Wenn ich die richtigen Methoden an der Hand habe, kann ich aktiv gestalten. Das wollen wir mit Happy Works vermitteln. Natürlich gibt es dabei auch Grenzen. Deswegen mag ich das Motto: „Love it, change it or leave it.“ Wenn das Gefühl etws verändern und mitgestalten zu können nicht mehr da ist, dann hilft manchmal nur noch Gehen, so wie bei mir.

Warst Du nicht unsicher? Hattest Du keine Angst nicht mehr genügend Geld zu haben?
Klar habe ich auch gezweifelt. Aber ganz ehrlich: Mein Herz hat irgendwann angefangen immer dann einen Sprung zu machen, wenn ich an die Kündigung gedacht habe. Das ist dann wohl ein eindeutiges Zeichen. Die endgültige Entscheidung habe ich getroffen als ich mit Euch und der Emma in Marokko unterwegs war. Entspannen, die Landschaft an sich vorbeiziehen sehen, neue bunte Eindrücke gewinnen – und dann war es plötzlich glasklar.

Und dann bist Du nach Melbourne gegangen ohne Dir stattdessen einen neuen Job zu suchen?
Genau. Fast ohne Geld und definitiv ohne Ahnung, was mich erwartet. Ich habe oft gezweifelt, ob das wirklich eine gute Idee ist und wie das alles werden soll. Aber dann hat interessanterweise meine Mutter mir einen Stups gegeben als sie meinte: „Lisa, man merkt, dass Du älter wirst. Früher wärst Du einfach losgeflogen. Warum jetzt so zögerlich? Du weißt doch, irgendwie geht es immer weiter.“ Da dachte ich: „Was, ich verhalte mich mit 30 wie eine alte Schachtel? Nee, los geht’s…“

Weshalb Australien?
Ich wollte weit weg. Und irgendwo hin, wo Englisch gesprochen wird. Ich habe hier eine gute Freundin. Sie hat mich dazu ermuntert sie endlich hier zu besuchen. Und 7 Wochen Ferien fand ich eine verlockende Aussicht.

Du hattest also zuerst vor nur 7 Wochen zu bleiben? Was ist dann passiert? Was hat Dich in oder an Melbourne begeistert?
Melbourne ist ein bisschen wie Berlin am Meer. Das habe ich mir schon immer gewünscht. Und nach den 7 Wochen hatte ich das Gefühl, mit dieser Stadt noch nicht fertig zu sein. Es gibt wahnsinnig viel zu entdecken. Nicht umsonst wurde Melbourne schon mehrmals hintereinander zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt: viktorianische Prachtbauten, Wolkenkratzer, Einwanderer von überall, kulinarische Überraschungen, perfekte Sonnenuntergänge, Possums, Sauvignon Blanc, Meeresrauschen…diese Liste kann ich endlos weiterführen…Und ehrlich gesagt ist es auch schön mal einen Berliner Winter auszulassen. Ich konnte mich nach den 7 Wochen noch nicht darauf einlassen, wieder in Berlin zu sein und die Jobsuche zu beginnen. Ich wollte mehr Leben und weniger Vorhersehbarkeit.

Gab es einen speziellen Moment, in dem Du Dir überlegt hast, es einfach ein paar Monate lang darauf ankommen zu lassen?
Nein, das ist eher mit der Zeit entstanden. Da sind wahrscheinlich viele Sachen zusammen gekommen. Dass ich nach der Kündigung keine berufliche Verpflichtung mehr hatte und auch privat gerade total ungebunden bin. Dass hingegen die meisten Menschen in meinem Umfeld mit Kinderkriegen und sesshaft werden beschäftigt sind. Weil das für mich gerade nicht ansteht, hat es mich in die Ferne gezogen.

Was ist Dir überhaupt wichtig um glücklich und zufrieden mit Dir und Deinem Leben zu sein? Darüber habe ich in den letzten Monaten oft nachgedacht. Momentan ist meine Antwort: Gesundheit; ein soziales Netzwerk mit guten Freunden und Familie; so viel Geld, dass ich mir immer wieder mal einen meiner Wünsche erfüllen kann; leckeres Essen; Natur; bunte Farben; gute Gespräche und ganz wichtig: tagtägliche Bewegung und Herausforderungen für Körper, Geist und Seele.

Vermisst du etwas? Dein Zuhause?
Ja, ich bin schon ziemlich heimatverbunden. Und das hat in meinem Fall auch wirklich etwas mit Geographie zu tun. In den letzten Wochen sind mir viele Menschen begegnet, die das ganz anders empfinden. Für sie ist der Mensch ein Nomade, der überall hingehen kann. Das kann ich für eine begrenzte Zeit sehr gut verstehen. Aber auf Dauer würde mir hier in Australien wahrscheinlich das Gefühl fehlen, wirklich dazu zu gehören. Wer hat hier in seiner Kindheit schon über Benjamin Blümchen oder Pumuckl gelacht?

Was bedeutet Zuhause und Heimat für Dich?
Ganz viele Dinge, die mein Herz höher schlagen lassen: Familienessen, der Geruch von nassem Laub und Herbstäpfeln, in einem See schwimmen in Brandenburg, „Schüttkartoffeln“, Wein, Weihnachtsplätzchen, stundenlange Gespräche mit langjährigen Freunden, sich verstanden fühlen…Geborgenheit…sich fallen lassen…eine Komfortzone.

Welche Reaktionen kamen von Deinen Freunden und Deiner Familie, als du deine Rückkehr auf nächstes Jahr verschoben hast?
Die haben sich alle für mich gefreut. Und wenn nicht, dann haben sie es gut versteckt.

Glaubst du, dein Aufenthalt in Australien wird dich prägen oder verändern?
Klar. Definitiv prägen. Ob verändern kann ich noch nicht sagen. Das können dann andere nach meiner Rückkehr vielleicht am besten beurteilen.

Was würdest du gern aus Australien und Deiner Erfahrung mit nach Deutschland und in die Zukunft nehmen?
Dass es immer irgendwie weiter geht. Und die Freundlichkeit und Leichtfüßigkeit vieler Menschen hier in Melbourne. Dass es nicht wichtig ist, was Du bisher gemacht hast, sondern wer Du bist und sein möchtest.

Hast Du schon einen Plan für Deine Zeit nach Australien?
Ich werde erstmal für ein paar Tage Euch und andere Freunde in der Schweiz besuchen. Den Winter nochmal so richtig mitnehmen. Und dann mit dem Schwung des Frühlings einen neuen Job in Berlin suchen.

Meinst Du ein Plan ist überhaupt wichtig?
Ja, für mich schon. Zumindest hilft es mir wenn ich weiß, was ich mir für die nächsten Monate vornehme und wünsche. Dass das Leben dann auch etwas ganz anderes mit uns vorhaben kann – darauf bin ich mittlerweile vorbereitet…

Danke Lisa. Ich wünsche Dir noch eine richtig gute Zeit und freue mich auf gemeinsame Abende in der Schweiz.

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