m’hamid unter wasser

Vor drei Wochen hatte ich mir noch gedacht, dass ich einfach nach Agadir fliegen werde, einen Nachtbus nach Zagora nehme und dann ein Taxi nach M’Hamid um meinen Freund Yahya zu besuchen und eine Woche in der Hitze der Sahara zu verbringen. Letztendlich landete ich im Regen am Atlantik, einem Surfer Hotspot, einem überfüllten Minibus in der Sahara, an einem Fluss wo es eigentlich keinen Fluss gibt, und drei von fünf Nächten im Bus oder Flugzeug sitzend.

Wie konnte das nur passieren? Wie ich meinen vorletzten Beitrag geschrieben habe, standen Großteile Südmarokkos unter Wasser und alle Straßen, die weiter in den Süden führten, waren geschlossen. Also blieb ich eine Tage in einem kleinen Surfer Hotspot namens Taghazout und arbeitete. Wie schön, in jedem zweiten Café „free wifi“ zu haben
Nachdem das Wetter besser wurde und die Sonne schon den zweiten Tag in Folge schien, wurden einige Straßen wieder geöffnet. Unter anderem eine in Richtung Ouarzazate und Zagora. Der nächste und damit auch der erste verfügbare Nachtbus war meiner. Obwohl ich in der Nacht fuhr und Marokko nachts stockfinster ist, konnte ich ab und an kaputte Brücken und Straßen sehen. Vor allem dann, wenn der Bus abseits der beschädigten Straße eine Zeit einfach auf einer Piste fuhr. Zu meinem Erstaunen musste ich dabei bibbernd feststellen, dass die marokkanischen Busse nicht nur ohne Klimaanlage im Sommer sondern anscheinend auch ohne Heizung im Winter fuhren. Ich habe mir also die ganze Nacht auf meinem Weg in die Wüste den Hintern abgefroren. In Zagora taute ich langsam wieder auf und machte mich auf den Weg zu den „Grand Taxis“. Normalerweise sind diese ja schon eine holprige und enge Angelegenheit, da diesmal aber zwei Brücken zwischen Zagora und Taghonite beschädigt waren, sah es danach aus, als ob ich gar nicht weiter kommen würde.
Zwei Marokkaner versuchten das Geschäft ihres Lebens zu machen und mir für richtig viel Geld einen Geländewagentrip nach M’Hamid zu verkaufen aber ich habe mir gedacht, wo es einen Weg für Geländewagen gibt, wird der normale Marokkaner auch einen ‚normalen‘ Wagen durchbekommen. Tatsächlich, eine umgebauter Mercedes Transporter mit Sitzen, Plastikstühlen und Holzplanken reichte mir und 21 Mitreisenden plus 1 Tonne Zeugs auf dem Dach als Offroadgefährt durch die Wüste. Für 2,80€ und innerhalb von drei Stunden kam ich gut durchgeschüttelt in M’Hamid an.
Ich hatte es geschafft und so unglaublich wie es sich für jeden anhört, der schon einmal dort war, war es auch. M’Hamid wurde durch einen hunderte Meter breiten und drei Meter tiefen Fluss zweigeteilt.
Dummerweise hatten sich die lokalen Behörden entschieden die einzige Furt/Brücke in dem Fluss, der eh seit Jahren trocken lag zu renovieren. Kaum war die alte Überquerung abgerissen, begann der Regen und der Fluss kam zurück.
Da der normale Wüstenbewohner weder schwimmen kann noch sich besonders im Bootsbau auskennt, gab es nun seit 10 Tagen keine Möglichkeit mehr von der einen Seite zur Anderen zu gelangen und 3000 Menschen waren so von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten. Mittlerweile fuhren täglich Armeelaster mit Nahrung beladen einen 150km Umweg über die nächstgelegene Brücke auf die andere Seite des Flusses.
Ausserhalb des Ortes war die Wüste mit frischem Grün gesprenkelt und steinige Bereiche schienen mit grünem Samt überzogen zu sein. Selbst die höchsten Dünen waren bis zu Spitze klatschnass. Wenn ich nur die oberste Sandschicht weggestrichen habe, war der Sand dunkel und nass. Im Schatten oder bei bewölktem Himmel wurde es auch sofort unangenehm kalt. Sobald die Sonne abends unterging, musste ich alles anziehen, was ich dabei hatte und habe trotzdem noch gefroren. Selten habe ich mich so über meinen für 0°C ausgelegten Daunenschlafsack gefreut.
Das Dünencamp meiner Freunde wurde eine Tage zuvor geflutet, dabei zerstört und ist dann auch noch von dannen geschwommen. Die Schweizer, die währenddessen zu Besuch waren und in einem höher gelegenen Zelt übernachteten, riefen ihren Botschafter an und wurden am kommenden Tag von einem Helikopter evakuiert, während die Marokkaner noch einen Tag ausharrten und dann zurück nach M’Hamid wateten.
Offensichtlich hatten die Schweizer einer dringenderen Termin, den sie nicht verpassen durften.
Wir diskutierten noch bis spät in die Nacht, was bis zum Jahresende alles gemacht werden musste um das Camp wiederherzustellen. Die Weihnachtszeit ist die Hauptumsatzzeit und genau genommen ist das Camp schon ausgebucht.
So habe ich wieder lernen dürfen, dass alles eine Frage der Perspektive ist.
Was ist schon ein wichtiger Termin verglichen mit einer ganzen Existenz. Vor allem, wenn ich mir überlege wie viel teurer eine solche Evakuierung verglichen mit dem Neubau des gesamten Camps ist.
Und trotzdem ist alles, was meine Freunde dazu sagen:“Ich bin nicht happy und nicht traurig. Es ist so wie es ist und jetzt machen wir uns Gedanken, wie es weitergeht. Du weisst eh nie mit Sicherheit was morgen passiert…“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: