was unser gehirn tut wenn wir nichts tun

Ich freue mich über einen erneuten und wunderbaren Gastbeitrag von Lisa. Sie liefert dieses mal unwissentlich die Begründung warum meine Segel- und Saharareisen so einen starken Eindruck hinterlassen:

Manchmal passiert mir das: jemand fragt mich „Woran denkst Du gerade?“ Dann werde ich abrupt aus meinen Gedanken gerissen, die gerade abgeschweift sind. Und kämpfe mich auf der Suche nach einer passenden Antwort durch das Chaos in meinem Kopf. Versuche für einen Moment Ordnung zu schaffen. Und sage – weil ich keine passenden Worte finde- „Ach, an gar nichts.“ Und weiß, dass das nicht stimmt.

Weil unser Gehirn niemals still steht.
Verblüffenderweise habe ich die Beobachtung gemacht, dass meine Gedankenwelt besonders bunt wird und meine Ideen besonders kreativ, wenn ich gerade nichts Produktives tue. Sich fast ein bisschen Langeweile einschleicht…
So wie zuletzt in Melbourne. Weit weg von meinen Routinen und meinem sozialen Netz hatte ich viel Zeit für mich und mein Gehirn plötzlich ungeahnte Kapazitäten. Sehr oft bin ich ziellos durch die Straßen geschlendert und in meinem Kopf gab es plötzlich ein Feuerwerk – mit Erinnerungen an meine früheste Kindheit; dem Geschmack von längst gegessenen Gerichten; Dialogen, die nie gesprochen wurden; Personen, die ich lange nicht getroffen hatte…wie ein Theaterstück in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen laufen, mit unzähligen Darstellern und unendlich vielen Handlungssträngen. Zu komplex für die Abbildung in der Wirklichkeit – Tagträume…
Die Hirnforschung sagt, dass in solchen Momenten, in denen wir zur Ruhe kommen das sogenannte Default Mode Network (DMN, dt. Leerlauf Netzwerk) aktiv wird. Und dieses kennt keine effiziente Antwort auf äußere Reize, sondern ist spezialisiert auf eine nach Innen gerichtete Verarbeitung von Erlebnissen und Erfahrungen. Damit ist das DMN ein wichtiger Teil unserer Selbstwerdung. In einem ständigen Monolog erzählen wir uns unsere eigene Geschichte immer wieder neu. Es ist als ob das DMN in unserem Unterbewusstsein einen riesigen Berg aus Notizzetteln abarbeitet, die jeden Tag durch unser Erleben entstehen. Und dann wird zugeordnet, strukturiert, bewertet, umgedeutet. Und schafft damit die Voraussetzung für reflektierte Entscheidungen.
Und so kommt es, dass gerade dann, wenn wir unserem Gehirn Freiraum lassen kreative Ideen und komplexe Problemlösungen entstehen können; so wie unter der Dusche, beim Joggen oder an die Decke starren.
Doch in unserer modernen Welt fordern Reizüberflutung und die enge zeitliche Taktung unser Gehirn fast kontinuierlich heraus. Und lassen dem Abschweifen der Gedanken wenig Raum. Durch meine Erfahrungen in Melbourne habe ich gelernt Leerlauf in meinem Alltag zuzulassen. Weil ich mehr im Einklang mit mir selbst und meinem Leben bin, wenn ich meinen Geist regelmäßig auf Wanderschaft schicke. Aristoteles wäre stolz, denn damals, in der Antike, war die Muße das höchste Gut.

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